© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co.  www.jungefreiheit.de  04/14 / 17. Januar 2014

„Mündige Bürger ignorieren das“
Warum haben die Grünen soviel Einfluß in der Politik? Weshalb Angela Merkel solchen Erfolg? Wieso die AfD ein so schlechtes Image? – Fragen an „Deutschlands schillerndsten PR-Berater“ Moritz Hunzinger.
Moritz Schwarz

Herr Professor Hunzinger, Sie haben den Protest der Grünen an der Aufstellung eines Gedenksteins für die Trümmerfrauen in München als „dumm“ bezeichnet. Warum?

Hunzinger: Wer die Verdienste der Trümmerfrauen um den Wiederaufbau Deutschlands bestreitet, ist zumindest nicht besonders gescheit. Ruinen von 400 Millionen Kubikmetern Schutt mußten geräumt werden, vier Millionen Wohnungen wurden durch alliierte Luftangriffe zerstört, zahlreiche Fertigungsunternehmen waren zertrümmert. Unser Vater vom Jahrgang 1922, hoch dekorierter Wehrmachtsoffizier, und die Mutter, Jahrgang 1927, haben meinem Zwillingsbruder Max und mir erzählt, was die Trümmerfrauen leisteten.

Die Grünen fallen immer wieder durch unpopuläre Positionen auf, geraten mittlerweile in den Ruf, „die“ Verbotspartei in Deutschland zu sein. Wieso sind sie andererseits so beliebt und erfolgreich?

Hunzinger: Ich nenne es Hingabeflucht. Die Grünen heute sind „grün“ und nicht mehr einfach nur „ökologisch und links“. In den Großstädten werden sie von den Botox-gepolsterten, Prada-Jacken, Hermès-Taschen, Louis Vuitton-Schals, Cartier-Uhren und Tod’s-Schuhe tragenden Ehefrauen gutverdienender, hart arbeitender Banker und Freiberufler gewählt, weil denen die CDU zu spießig ist. Die Latte-Macchiato-Mütter unter ihnen fahren ihre Maclaren-Kinderwagen wie Panzer durch die Einkaufsmeilen. Diese Leute haben einen anderen „Beat“, sie lassen vieles durchgehen und sich einiges bieten.

Sogar die pädophilen Verstrickungen der Grünen: Diese haben erstaunlicherweise ihrem Ruf als Partei der Guten keinerlei Abbruch getan. Während sie etwa der katholischen Kirche zentnerschwer anhängen. Wieso hängt es den einen nach, den anderen nicht?

Hunzinger: Reine Glückssache – und im Falle der Pädophilie-Debatte bei den Grünen aktive Milde durch geneigte Medien. Manche Skandalisierte werden sozial exekutiert, andere indes amnestiert. Ein harmloser Vorwurf – denken Sie an Vizekanzler Möllemanns Empfehlung, daß Handelsketten einen Chip als Pfandmünze bei Einkaufswagen einsetzen – entwickelt sich zum Atompilz. Verschont blieb Bundeskanzler Schröder: Im September 2005 wurde der Vertrag über den Bau der Pipeline von Gazprom, E.ON Ruhrgas und BASF in seinem und Wladimir Putins Beisein unterzeichnet. Bis November war Schröder Kanzler, zwei Wochen später wurde er zum Aufsichtsratsvorsitzenden der Pipeline – North European Gas Pipeline – bestimmt. Die meisten Rücktritte in der Politik – auch der von Bundespräsident Wulff – erscheinen schnell bald überflüssig. Nur läßt sich das nicht mehr korrigieren.

Die große Mehrheit der deutschen Journalisten ist laut Erhebung links eingestellt. Dieser Umstand wird allerdings in unserer öffentlichen Meinungsbildung so gut wie gar nicht reflektiert. Welche Bedeutung hat dieser Umstand für den politischen Diskurs in Deutschland?

Hunzinger: Offenbar keinen, das zeigt, wie verankert die bürgerlichen Wähler sind und im September 2013 entschieden haben. Der minderheitenakzentuierte Mainstream im Fernsehen reicht vom „Morgenmagazin“ zum „Tatort“: Alles so politisch korrekt, daß man auch abschalten kann.

Forsa-Chef Manfred Güllner warnt in seinem Buch „Die Grünen“: „Diese gefährden unsere Demokratie.“

Hunzinger: Herr Güllner hat schon mal die Existenz seines Forsa-Instituts gefährdet. Die Warnungen und Einschätzungen des – wie der Spiegel titelte – „Orakel ohne Fortune“ halte ich für uninteressant und kommentiere diese nicht.

Güllner konstatiert, wo immer die Grünen mit ihrem Anspruch aufträten, die Gesellschaft umzukrempeln, zögen sich überproportional viele Bürger verschreckt von der politischen Beteiligung zurück, weil sie nicht wagten, gegen den Gutmenschen-Duktus der Grünen aufzutreten und als nicht politisch korrekt dazustehen.

Hunzinger: Veggie-Day? Verbot von Zigarettenautomaten? Vespa-Verbot? Mündige Bürger ignorieren das oder widersprechen. Diese Forderungen sind berichtenswert und entertainen, aber politisch unbedeutend.

Ein ähnlich widersprüchliches Phänomen wie die Popularität der Grünen erleben wir mit Angela Merkel. Nach Umfragen schätzen die Deutschen vor allem Politiker „mit Ecken und Kanten“. Die Kanzlerin gilt allerdings, da sind sich die meisten Medien einig, als profillos, als „Frau ohne Eigenschaften“. Wieso ist sie dennoch so beliebt bei den Deutschen?

Hunzinger: Gerade wegen ihrer Eigenschaften: Sie führt unser Land, das zugleich die Hegemonialmacht Europas ist, praktisch fehlerfrei. Sie kann hohe Staatskunst. Die Kanzlerin biedert sich keinem an. Man tritt ihr weltweit mit großer Ernsthaftigkeit und mit Respekt entgegen. Auf allen meinen Reisen erfahre ich Hochachtung für sie.

Ebenfalls einig sind sich die meisten Medien darin, daß Angela Merkel die Union „sozialdemokratisiert“ habe. Fühlt sich Angela Merkel in der Großen Koalition vielleicht viel wohler als im schwarz-gelben Bündnis?

Hunzinger: Die FDP hat flächendeckend versagt und enttäuscht. Und die Union nimmt Positionen ein, die zeitgemäß und zugleich mehrheitsfähig sind. Dies deckt sich mit der SPD und macht das Regieren einfacher.

In der Union ist viel – viel mehr als in jeder anderen Partei – vom „Markenkern“ die Rede. „Vielleicht deshalb, weil es keinen solchen mehr gibt?“ – wie Spötter meinen?

Hunzinger: Große Schnittmengen verwässern den Markenkern: Von liberal zu fair im sozialen Ausgleich, von der Bewahrung der Schöpfung bis zum Aus für die Atomenergie: Ein Markenkern also im Farbenspiel blau-gelb, rot, tiefschwarz und grün.

Als größter „Wendehals“ („Handelsblatt“) der Bundespolitik gilt Horst Seehofer. Wieso ist ausgerechnet in Deutschlands angeblich konservativster Partei ein Horst Seehofer so erfolgreich?

Hunzinger: Ein seltenes Phänomen, denn die Empörungsgeneration schweigt. Egal, wen er politisch und persönlich enttäuscht hat, es erwischt ihn nicht. Selbst harte Abstrafungen, denken Sie an Ramsauer und Friedrich, ahndet die Partei nicht. Seehofer ist die personifizierte Antwort auf die bayerische Sehnsucht nach einem Landesvater. Er führt wahrnehmbar. Er verblüfft, weil er macht, was er will. Er schreit nicht wie Stoiber. Er ist nicht verunsichert wie Beckstein. Er nervt aber wie Strauß. Ohne seine Ehefrau wäre er nicht mal mehr Abgeordneter im Münchner Landtag.

Ausgerechnet von Horst Seehofer kam der Vorschlag, den Doppelpass einzuführen. Hat Sie das auch überrascht?

Hunzinger: Ja, denn Seehofer hat erkannt, daß der Doppelpaß zeitgemäß ist. Ich persönlich bin kein Freund dieser Regelung.

Offenbar hat vor allem das Konservative in Deutschland ein Imageproblem. Warum?

Hunzinger: Ich erkenne ein schlechtes Image nicht.

Ist vielleicht der Erfolg von Frau Merkel und Herrn Seehofer darauf zurückzuführen, daß sie ihre Parteien vom „Stigma“ des Konservatismus „befreien“?

Hunzinger: Ich sehe das anders und erkenne null Stigma: Die Mehrheit der Deutschen hat im September 2013 konservativ gewählt. Die Union verpaßte die absolute Mehrheit um fünf Sitze. Allein die CDU-Vorsitzende in dritte Amtszeit als Bundeskanzlerin wiederzuwählen, ist konservatives Handeln.

Wohin steuern nach Ihrer Einschätzung Parteien wie CDU und CSU, die sich offenbar ihrer selbst nicht mehr sicher sind, in Zukunft?

Hunzinger: Die Union verankert sich im Regierungshandeln der Großen Koalition und arbeitet an ihrer Differenzierung zur SPD. Dies für die Wähler eines neuen Bundestages deutlich zu machen, ist eine anspruchsvolle, lösbare Kommunikationsaufgabe.

Können Sie als PR-Profi einen Rat geben, wie für den Konservatismus wieder Boden gutzumachen ist?

Hunzinger: Wie gesagt, ich sehe das so ganz gegenteilig. Die Konservativen müssen nur ihre Stammwählerschaft ausbauen.

Seit einem halben Jahr hat Deutschland ein neues Parteiprojekt – die AfD. Als zuvor die Piratenpartei mit weit wolkigeren Versprechen und viel chaotischer an den Start ging, fanden die meisten Vertreter der öffentlichen Meinung das unheimlich „charmant“. In der Berichterstattung über die AfD ist dagegen gern von „Populisten“ und „Dilettanten“ die Rede. Und wieder die Frage: Warum ist es nicht das gleiche, wenn zwei dasselbe tun?

Hunzinger: Beides sind Protestparteien, die sich ohne das Versagen von Grünen und FDP kaum so aussichtsreich gegründet hätten. Versäumnisse der Grünen besetzten die Themen der späteren Piraten. Versäumnisse der FDP entwickelten sich zur AfD. Die Piraten erschienen mit zunächst recht liebenswert irrlichternden, ambitionierten jungen Polit-Nerds und einem sich ungewohnt interessant inszenierenden Cover-Girl, Marina Weisband. In ihrer Enge gehen sie nun wohl unter. Die AfD ist auch ein politischer Start-up mit Disziplinlosigkeit und Unerfahrenheit vieler ihrer Mitglieder. Zudem wurde sie von Teilen der Presse und Öffentlichkeit mit dem Malus der Rechtslastigkeit versehen. Ein Sammelbecken unzufriedener, cholerischer Herrschaften mit einem starken Hang zur Vereinsmeierei ist nicht sympathisch. Das ist das fortgesetzte Pech des Bernd Lucke, der seine Positionen allerdings inhaltlich vertreten kann.

Unter den Deutschen ist die Euro-Rettungsskepsis groß. Laut Umfragen hält eine Mehrheit die Euro-Einführung heute für einen Fehler, und eine Mehrheit ist gegen die Fortsetzung der Euro-Rettung. Dennoch schwimmt die AfD nicht etwa auf einer Woge öffentlicher Zustimmung, sondern muß sich ständig rechtfertigen. Warum?

Hunzinger: Weil sie diffamierbar ist.

Hat die AfD trotz der Ausgrenzungsstrategie gegen sie eine Chance, sich durchzusetzen?

Hunzinger: Sie kann ins Europaparlament einziehen, Relevanz indes bleibt ihr eher versagt.

Nicht nur die AfD, auch die FDP zieht den Haß besonders auf sich. Sie ist die einzige etablierte Partei, die vielfach als eine Art Dunkelmännerpartei gilt. Welche medialen Funktionsprinzipien stecken nach Ihrer Ansicht hinter dem nicht seltenen Hang zur Verteufelung der FDP?

Hunzinger: Das Wort Dunkelmännerpartei höre ich zum ersten Mal. Als Oppositionsführer glänzte Westerwelle. Kaum in der Regierung, ging praktisch alles schief. Für mich begann der Abschwung der FDP mit den fragwürdig besetzten Dienstreisen des Außenministers. In der Delegation saß der Chef von Mountain Partners aus der Schweiz, statt ein gestandener deutscher Mittelständler. Und dann nahm der Außenminister noch seinen Ehemann mit. Die Wahl des Entwicklungsministeriums, die Mövenpick-Steuer, all dies und noch viel mehr führte zu Spott und Häme, was dann auch im bürgerlichen Lager amüsierte. Weite Teile der Presse griffen Peinlichkeiten belustigt auf, das Ergebnis ist bekannt. Völlig unbelastet war Gesundheitsminister Bahr. Dessen Bonität im Ansehen nutzte die FDP zuwenig.

 

Prof. Dr. Moritz Hunzinger, „Deutschlands schillerndster PR-Berater“ und „Prototyp der PR-Berater-Spezies in Deutschland“ – so nennen ihn die Medien. Öffentlich bekannt wurde Moritz Hunzinger durch seine zahlreichen Medienauftritte und seine exzellenten Kontakte zu Spitzenpolitikern wie Rudolf Scharping, Joschka Fischer, Cem Özdemir oder Christian Wulff. Hunzinger ist einer der dienstältesten Gründungsunternehmer der PR-Branche in Deutschland. 25 Jahre lang – von 1979 bis 2004 – war er Vorstandsvorsitzender der börsennotierten infas Holding AG, vormals Hunzinger Information AG. Heute ist der Honorarprofessor für PR und Kommunikation Geschäftsführer der Gesellschaft für Informationswirtschaft GmbH. Von 1999 bis 2003 war Hunzinger zudem Bundesschatzmeister der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA) und bis 2004 deren Treuhänder. Und er beriet die EU-Kommission in Fragen der Zusammenarbeit mit den Ländern Ost- und Mitteleuropas. Der Spiegel schrieb über ihn: „Von Moritz Hunzinger zu lernen, heißt dem Leben stets das Positive abzuringen.“ Geboren wurde er 1959 in Frankfurt am Main.

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Foto: PR-Legende Hunzinger: „Manche sozial Skandalisierte werden exekutiert, andere amnestiert. Reine Glückssache – und im Fall der grünen Pädophilie-Debatte aktive Milde geneigter Medien“

 

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